KW 21Die Woche, als wir uns um eine Reichweitenmaschine sorgten

Die 21. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 17 neue Texte mit insgesamt 111.745 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Markus Reuter

Liebe Leser:innen,

bei uns im Redaktionschat gibt es immer wieder mal Nachrichten wie: „Artikel XY ist auf Pocket!“ – und alle wissen, was das heißt. Oft schmückt ein Raketen-Emoji diese Nachricht und die Freude ist groß. Doch was steckt dahinter?

Mit „Pocket“ (englisch: Tasche) meinen wir den Dienst, mit dem sich Menschen Artikel zum Späterlesen speichern können. Pocket bietet darüber hinaus auch kuratierte Lesetipps an, und zwar auf der Startseite von Firefox. Auf diese Weise finden immer wieder Zehntausende Menschen auch Artikel von uns.

Dass ein Artikel von uns auf Pocket empfohlen wird, bemerken wir oft durch ungewöhnliche Reaktionen von Leser:innen in der Kommentarspalte und per E‑Mail. Das kann Gegenwind sein, verquere Ansichten, oftmals auch Zustimmung. Auf jeden Fall zeigen uns diese Reaktionen, dass ein Artikel plötzlich aus unserer Kern-Leser:innenschaft heraus größere Kreise zieht.

Ein besonders starker Indikator, dass Pocket gerade einen Artikel von uns empfiehlt, ist ein Schwall an Beschwerden über die geschlechtergerechte Schreibweise auf netzpolitik.org. Das ist dann meist der Punkt, an dem jemand kurz im Firefox nachschaut, ob der viel kommentierte Artikel dort gerade wirklich empfohlen wird. Die Auswahl der Pocket-Empfehlungen ist bunt, vielfältig, ziemlich gut – und irgendwie ist immer etwas dabei, das das ich auch selbst gerne anklicke und lese.

Der heiße Scheiß im Online-Mediengeschäft

Pocket-Empfehlungen sind so etwas wie der heiße Scheiß im Online-Mediengeschäft. Es gibt kaum einen anderen Mechanismus, der auf einen Schlag mehr Leser:innen auf die Seite bringt. Wir reden hier von mindestens 30.000, manchmal mehr als 120.000 Menschen, die plötzlich einen Artikel lesen, der sonst vielleicht nur 8.000 Klicks bekommen hätte.

Zum Vergleich: Wenn der Spiegel einen Artikel von uns verlinkt – immerhin eines der größten deutschen Onlinemedien – dann bringt das schätzungsweise nicht mehr als eine vierstellige Zahl von Leser:innen. In einer ähnlichen Größenordnung bewegen sich die Zugriffe, wenn ein Post bei Bluesky oder Mastodon richtig durch die Decke geht.

Ähnlich dürfte es anderen Medien gehen – und das macht Pocket zur heimlichen Reichweitenmaschine in der Medienlandschaft. Umso schwerer mussten wir schlucken, als gestern die Nachricht eintrudelte, dass Pocket eingestellt wird. Einige von uns werden auch die Lesezeichen-Funktion der App vermissen. Doch besonders groß war die Sorge, dass diese Empfehlungsmaschine, die netzpolitische Themen mit großer Wucht aus unserer Blase herauskatapultieren kann, bald nicht mehr funktionieren würde. Denn wir alle lieben es, wenn unsere Artikel von einem breiten Publikum gelesen werden.

Wahrscheinlich ist die Angst nicht berechtigt. Pocket-Betreiber Mozilla hat nämlich angekündigt, dass Firefox weiterhin kuratierte Inhalte empfehlen werde: Nur „Pocket“ wird es dann nicht mehr heißen, und in unserem Redaktionschat wird man dann irgendetwas anderes lesen als: „Artikel XY ist auf Pocket!“.

Mach’s gut, Pocket.

Viel Spaß auf neuen Webseiten wünscht Euch

Markus

 

Unsere Artikel der Woche

Gefährliche ReflexpolitikWer die Versammlungsfreiheit einschränkt, hilft der AfD

Die schwarz-rote Koalition will das liberale Versammlungsgesetz des Landes Berlin verschärfen. Wer heute Grundrechte schleift, macht die Protesträume enger, wenn irgendwann die Rechtsextremisten an die Macht drängen. Das ist gefährlich. Ein Kommentar.

Handys in der Schule„Nicht gleich die Verbotskeule schwingen“

Die Debatte um die Handynutzung in der Schule dreht sich weiter. Mehrere Bundesländer wollen Verbote durchsetzen. Aus medienpädagogischer Sicht ist das kaum zu rechtfertigen, warnt die Expertin Kathrin Demmler. Schulen müssten sich stattdessen viel mehr mit technischen Geräten befassen.

Offener BriefZivilgesellschaft gegen Verhandlungen über europäischen Datenschutz

Unter dem Deckmantel des Bürokratie-Abbaus möchte die EU-Kommission Teile der Datenschutzgrundverordnung neu verhandeln. Mehr als hundert zivilgesellschaftliche Organisationen fürchten, dass dies zum Einfallstor wird, um „hart erkämpfte Rechte“ zurückzunehmen und den Datenschutz zu verwässern.

Verfassungsgericht schreitet einTeilerfolg für Pegasus-Opfer aus Ungarn

Ein ungarischer Fotojournalist wurde per Staatstrojaner überwacht und wollte vor Gericht erfahren, warum. Seine Klage wurde ohne nähere Begründung abgewiesen – zu Unrecht, wie das ungarische Verfassungsgericht nun urteilte.

ESCAPE ProPolizei will Menschenmassen in Echtzeit analysieren

Bei der Fußball-Europameisterschaft testete die Polizei eine neue Software für Großveranstaltungen, die Bewegungen von Menschenmassen simuliert. In Zukunft möchte sie die Software mit Echtzeit-Daten nutzen. Fußballfans kritisieren das Projekt.

Urteil zu VersammlungsfreiheitPlastikfolie ist keine Schutzbewaffnung

Ein Demonstrant hatte sich bei einem Protest mit einer Overheadfolie vor Pfefferspray geschützt. Dafür wurde er von deutschen Gerichten wegen „Schutzbewaffnung“ verurteilt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sieht in den Urteilen einen Verstoß gegen die Menschenrechtskonvention.

Globaler SüdenUS-Regierung drängt Staaten zur Zulassung von Starlink

Hand in Hand versucht die US-Regierung und der Satellitenanbieter Starlink, das Unternehmen des Regierungsberaters Elon Musk im Globalen Süden weitflächig auf den Markt zu bringen. Dabei scheint der Rechtsaußen-Regierung jedes Mittel recht zu sein.

DigitalausschussNeues Spiel, neues Glück?

Der Digitalausschuss des Deutschen Bundestags ist heute zu einer ersten Sitzung zusammengekommen. Inhaltliches stand noch nicht auf der Agenda, stattdessen wurde der Vorsitz gewählt. Außerdem ist nun bekannt, welche Abgeordneten die Digitalpolitik in den kommenden Jahren bestimmen werden.

Digitale SouveränitätAmazon will Cloud-Verträge in der Schweiz geheim halten

Der Amazon-Konzern weigert sich, die Cloud-Verträge mit dem Schweizer Staat öffentlich zu machen – obwohl der Staat einer Veröffentlichung schon längst zugestimmt hat. Das Thema berührt die digitale Souveränität. Auch in Deutschland gibt es Kooperationen mit Amazon.

re:publicaWir sehen uns!

Nächste Woche findet die größte Konferenz für die digitale Gesellschaft in Europa statt: die re:publica. Das Programm verspricht spannende Themen und Formate, darunter aus unserer Redaktion auch Ingo, Sebastian und Constanze.

Personenkontrollen, Victim BlamingStudie warnt vor Diskriminierung durch Polizei

Eine neue Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes fasst erstmals zusammen, auf wie vielen Ebenen Diskriminierung durch die Polizei geschehen kann – auch unter den Beamt:innen selbst. Ein Katalog an Forderungen soll das ändern.

Going DarkMit Flakscheinwerfern unter Bettdecken leuchten

Die Furcht von Sicherheitsbehörden vor verschlüsselter Kommunikation eröffnet eine neue Runde Crypto Wars. Die Debatten sind schon Jahrzehnte alt und ebenso lange ist klar: Alles um jeden Preis zu erhellen führt zu Verblendung – auf vielen Ebenen.

DatenschutzgrundverordnungDie EU öffnet die Büchse der Pandora

Die EU-Kommission will mehr Erleichterungen für Unternehmen beim Datenschutz. Die kleine Anpassung der DSGVO könnte der Vorbote einer größeren Deregulierungskampagne sein. Das darf nicht passieren – wenn die Verordnung schon aufgebohrt wird, muss sie verbessert werden. Ein Kommentar.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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